Die Geschichte von Call-by-Call und Pre-Selection - Teil 2: Die technischen Hintergründe
Zum
Jahreswechsel 2024/2025 wurden die vor allem früher von vielen
Telekom-Kunden genutzten Dienste Call-by-Call und Pre-Selection (zum
günstigen Telefonieren über andere Anbieter) abgeschaltet. Eine gute
Gelegenheit für einen Rückblick auf ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des deutschen Telekommunikationsmarktes
Während
viele Konkurrenten ihre ersten Tarife 1998 erstmal etwa 20-30 Prozent unter
denen der Telekom kalkulierten, wirbelte Mobilcom mit seinem
anmeldefreien CbC-Angebot über die 01019 den Markt sofort gehörig
durcheinander: 19 Pfennig pro Minute für Ferngespräche in ganz
Deutschland war ein klarer Kampfpreis und erheblich günstiger als die Telekom.
In
den Folgejahren sank das Preisniveau für Ferngespräche innerhalb von
Deutschland im Markt schnell auch tagsüber unter die Marke von 10 Pfennig/Minute
(z.B. mit der Mobilcom-Tochter Super24 ab dem Jahr 2000 mit Preisen
zwischen 6,6 Pfennig/Minute tagsüber und 3,3 Pfennig/Minute spätabends
und nachts).
Die
Unterschiede zwischen den Anbietern waren aber teilweise enorm und
mancher Konkurrent war - vor allem in den späten Jahren des CbC-Marktes
- sogar teurer als die Telekom.
In
der Blütezeit von Call-by-Call waren deutlich über 100 Netzkennzahlen
zugeteilt, die aber nicht alle wirklich genutzt wurden. Etwas
ungewöhnlich war die Tatsache, daß die BNetzA die Vorwahlen teils
fünfstellig (010xy), teils sechsstellig (0100xy) zuteilte.
Zugeteilt
wurde dabei zunächst der Bereich 01010 bis 01099, während der Bereich
010000 bis 010099 als Reserve gedacht war und dann doch relativ schnell
ebenfalls für die Zuteilung geöffnet wurde. Daß es somit aber Vorwahlen
mit einer und welche mit zwei Nullen in der Mitte gab, dürfte auch
manchen Nutzer verwirrt und den einen oder anderen Euro gekostet haben
(wenn man durch die Wahl der falschen Vorwahl zu einem anderen Tarif
telefonierte, als gedacht). Siehe hierzu auch die Ausführungen in den
folgenden Teilen dieser Artikelserie zum „Tariflotto“, das sich in den
Folgejahren entwickelte.
Die
in Teil 1 erwähnte Verpflichtung, seinen Kunden das „Telefonieren über
einen anderen Anbieter“ zu ermöglichen, galt übrigens zunächst für alle
Anbieter von Telefonanschlüssen, also auch für die Konkurrenten, die ab
1998 in den Markt für Komplettanschlüsse einstiegen. Dies waren vor
allem lokale Anbieter in manchen Regionen (wie NetCologne, M-Net oder
EWE-Tel) – aber auch bundesweite Anbieter wie Arcor, o.tel.o oder
Mobilcom boten in ausgesuchten Städten eigene Anschlüsse an (auf Basis
der Kupfer-Doppeladern des Telekom-Telefonnetzes, die dann im
sogenannten Hauptverteiler auf Technik des jeweiligen Konkurrenten
umgeschaltet wurden).
Die
Tatsache, daß auch andere Anschlußbetreiber CbC und Pre-Selection
ermöglichten mußten, hatte im Markt aber relativ wenig Bedeutung. Denn
in der Regel war in diesen Fällen der einzige nutzbare CbC-Anbieter die
Telekom mit ihrer Netzkennzahl 01033. Da sich die anderen
Anschlußanbieter mit der Telekom ohnehin zusammenschalten mußten (schon
um Telefonverbindungen zwischen beiden Netzen zu ermöglichen), konnte
man über diese „Interconnection“ dann eben auch CbC über die Telekom
anbieten.
Diese
verlangte aber eine Anmeldung hierfür und schickte dem Nutzer eine eigene
Rechnung. Von den reinen Minutenpreisen her gesehen war "Call-by-Call
über die Telekom" eher uninteressant (gerade das Kostenargument war ja
meist ein Argument für einen Wechsel weg von der Telekom hin zum
privaten Konkurrenten), aber auf diese Art und Weise konnte man so
evtl. auch exotischere Netze und Vorwahlen erreichen, zu denen der
private Konkurrent eventuell kein gutes oder vielleicht sogar gar kein
Routing hatte.
Die
gängigen CbC-Anbieter hatten zu diesem Zeitpunkt kein großes Interesse
an einer Zusammenschaltung mit den alternativen Anschlußbetreibern und
ihrer damals noch ziemlich geringen Kundenzahl, denn Zeit und Geld waren
in einem weiteren Übergabepunkt zur Telekom (der dann geringere
minutenabhängige Vorleistungskosten zu Telekom-Kunden in der jeweiligen
Region brachte) meist besser angelegt.
Ein
CbC-Carrier mußte sich - um seine Dienste anbieten zu können - an einer
gewissen Zahl von Übergabepunkten (Points of Interconnection, POI - im
Reguliererdeutsch "Orte der Zusammenschaltung" genannt) mit dem
Telefonnetz der Telekom zusammenschalten. Dies erfolgte über sogenannte
Interconnection-Anschlüsse (ICAs). Diese konnten im klassischen
Telefonnetz (PSTN) auf der überregionalen Netzebene an bis zu 23
Standorten oder auch auf der regionalen Netzebene an bis zu 475
Standorten gebucht werden.
Die
Interconnection-Anschlüsse (ICAs) wurden an eigene Vermittlungsstellen angebunden, die wiederum mit Standleitungen
untereinander verbunden waren. Dies konnte über selbst errichtete oder
gemietete Glasfasern oder über Wellenlängen, Bandbreiten, etc. auf
fremden Netzen erfolgen. Ein großer Carrier dürfte für die Verbindung
von z.B. München nach Frankfurt meist auf "eigene Glasfasern"
zurückgreifen (vielleicht tatsächlich selbst verlegt, vielleicht auch
irgendwo mit sogenannten "IRUs" [=indefeseable rights of use]
langfristig und eigentumsähnlich angemietet). Ein kleiner Carrier wird
die nötige Bandbreite eher von einem der größeren Netzbetreiber als
fertige Standleitung einkaufen.
Je
mehr Übergabepunkte ein CbC-Carrier zur Telekom errichtete, um so
günstiger wurden die Interconnection-Kosten, die er pro Minute an die
Telekom bezahlen mußte: Es gab im Telefonnetz für die meisten
Interconnection-Leistungen drei (anfangs sogar vier) Tarifzonen, die sich
danach richteten, in welchem Umfang das Telekom-Netz mitgenutzt wurde.
Mehr Übergabepunkte bedeuteten aber gleichzeitig auch höhere Fixkosten
für IC-Anschlüsse, Standleitungen, etc.
Verbindungen
in Drittnetze (Festnetze anderer Anschlußbetreiber, Mobilfunknetze,
Ausland) konnte der CbC-Carrier entweder auch bei der Telekom einkaufen
oder aber er schaltete sich noch mit weiteren Carriern zusammen und
konnte dann für jedes Ziel aus einer mehr oder weniger großen Zahl an
Routen wählen, mit je nach Bedarf mit unterschiedlicher Qualität bzw.
unterschiedlichem Preisniveau.
Der
Preiskampf bei den Gesprächen war dabei für die Qualität der
Verbindungen nicht immer förderlich. Günstige Anbieter waren auch
motiviert, möglichst günstige Routings einzukaufen – die evtl. auch
noch die eine oder andere Schleife extra übers Ausland einlegten, um
jeden noch so kleinen Preisvorteil oder das eine oder andere
Hintertürchen in den internationalen Verrechnungssystemen mitzunehmen.
In
den Anfangsjahren der Liberalisierung konnten Anbieter mit solchen
Auslandsroutings davon profitieren, daß aufgrund des alten „Accounting
Rate Systems“ für internationale Verbindungen oftmals nur ein
einheitlicher Mischpreis für ein Zielland berechnet wurde, egal ob der
Anruf dort ins Festnetz oder ein Mobilfunknetz ging. Ein Anruf aus dem
deutschen Festnetz in ein deutsches Mobilfunknetz war so unter
Umständen günstiger, wenn er über ein oder mehrere andere Länder
geroutet wurde (denn bei den regulierten Vorprodukten der Telekom für
inländische Konkurrenten wurde genau unterschieden, in welches Netz ein
Anruf ging und der Preisunterschied zwischen Festnetz und Mobilfunk war
damals enorm). Mit der Zeit setzten sich aber auch im internationalen
Großhandelsbereich unterschiedliche Verrechnungspreise zu Festnetz- und
Mobilfunkanschlüssen durch. Manche "Minutenhändler" auf
Großhandelsebene umgingen die offiziellen Regelwerke für
Zusammenschaltung und Abrechnung auch komplett, indem sie Anrufe in die
Mobilfunknetze nicht über die offiziellen Wege, sondern über spezielle
Gateways mit SIM-Karten in die Handynetze einspeisten (sog. SIM-Boxing).
Ein
anderes Hintertürchen war, daß auf den internationalen
Wholesale-Märkten mit der Zeit zwar - wie oben beschrieben -
Verbindungen in die Mobilfunknetze abweichend tarifiert wurden, aber
zumindest für Verbindungen ins Festnetz eines Landes meist weiterhin ein
einheitlicher Verrechnungspreis berechnet wurde (egal zu welchem
Festnetz-Anbieter), während die regulierten IC-Leistungen der Telekom
auch hier stark unterschiedliche Preise vorsahen, je nachdem ob der
angerufene Nutzer seinen Anschluß im Telekom-Festnetz hatte oder in dem
Festnetz eines anderen Anbieters (z.B. Arcor). So konnte es durchaus
sein, daß innerdeutsche Gespräche zu einem
Nicht-Telekom-Anschluß in der Nachbarschaft von manchem CbC-Anbieter über das Ausland geroutet
wurden – mir war mal der Fall eines Anbieters bekannt, der solche
Gespräche dann teilweise über einen spanischen Carrier vermittelte…
Alle Teile der Artikelserie finden Sie in folgender Übersicht:
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